Wenn Lehrer kentern: Fortbildung am Kanuzentrum Hildesheim – ein Erfahrungsbericht

05.12.2018

Dennis liegt schon wieder im Wasser. Nur seine Hände gucken noch aus dem Wasser und winken hilfesuchend an beiden Seiten seines gekenterten Bootsrumpfes vorbei. Sofort wird das Spiel unterbrochen und schnell fährt jemand mit der Bootsspitze hin, an der Dennis sich hochrollen kann. „So ein Mist“, schimpft er, wieder aufrecht im Boot sitzend, und schlägt mit beiden Händen auf sein Deck. Unter dem Visier seines Helmes sieht man Wassertropfen. Der Trainer gibt ihm noch den Tipp, sich beim Greifen nach dem Wasserball nicht seitwärts aus dem Boot zu lehnen. „Ich weiß“, grinst Dennis und stürzt sich mit Feuereifer wieder ins Spiel, wo bereits wieder Boote aneinander rauschen, das Wasser aufschäumt und die Paddel spritzen.

 

Lehrer lernen im Kanu

Was wir an Bootsbeherrschung und technischem Können vielleicht vermissen lassen, wiegen wir locker durch Körpereinsatz und Teamspirit wieder auf. Denn mag es auch wirken wie das Kanupolo-Anfängertraining der Hildesheimer G-Jugend, so ist dies doch eine Lehrerfortbildung des Kanuzentrums Hildesheim, die in vier Tagen Lehrer mit den unterschiedlichsten Vorkenntnissen – vom Anfänger bis zum erfahrenen Wanderpaddler – fit machen soll, damit diese grundlegende Fähigkeiten (und die amtliche Zertifizierung) haben, eine Kanu-AG zu leiten. Und Dennis ist Ende zwanzig und Biologielehrer.

 

Große Auswahl an Booten

Wir sind am dritten Tag der viertägigen Fortbildung und haben schon einiges hinter uns, was den Teamgeist hat entstehen lassen: Kenterübungen in der Schwimmhalle, Schwimmen unter Wasser im gekenterten Boot und Wiedereinstiegsübungen auf dem Hohnsensee. Wir sind mit den Booten über Treppen und von einem etwa eineinhalb Meter hohen Absatz ins Wasser gerutscht. Wir sind vorwärts- und rückwärtsgepaddelt und haben dabei Wasserbälle geworfen. Und am Nachmittag sollte es auf die – an diesem Tag von den Gewitterregen des Vorabends gut gefüllte – Innerste für eine zehn Kilometer lange Wanderfahrt in Wildwasserzweiern gehen.

Im Kanuzentrum Hildesheim kann man das alles machen, und es ist faszinierend, welche Materialmöglichkeiten sich dort bieten. Ich habe an den vier Tagen zum Beispiel in fünf verschiedenen Bootstypen gesessen, vom Polo- bis zum Wildwasserboot. Der Schwerpunkt des Zentrums und die Leidenschaft unserer Trainer liegen aber erkennbar im Wildwasserbereich, denn die Wildwasserstrecke der Hildesheimer Bischofsmühle liegt nicht weit entfernt. So war es klar, dass es am letzten Tag auf Wildwasser gehen musste.

 

Wildwasser in Hildesheim

Die Bischofsmühle ist eine künstliche Wildwasserstrecke, deren Schwierigkeitsgrad, sprich Wasserdurchfluss, reguliert werden kann. Uns Wildwasser-Neulingen flößte schon die Grundstufe Respekt ein. Kurz mal gucken, wie es der Trainer macht – und runter mit uns. Klatsch, spitz, paddel: Unten war ich. Hat Spaß gemacht! Noch einmal: jetzt bitte nach jeder Stufe ins Kehrwasser einfahren. Klappt! Super, das ist besser, als ich dachte. Unsere Trainer trauen uns nun eine höhere Stufe zu, die zwar nun nicht von allen kenterfrei bewältigt wird, bei mir aber mit jeder Durchfahrt etwas kontrollierter gelingt.

 

Am Nachmittag liegt dann der Schwerpunkt auf Retten und Bergen von Menschen und Booten im Wildwasser mit Wurfsack oder dem – diesmal wortwörtlichen – Sprung ins kalte Wasser. Trotz Neopren-Longjohn wird es immer kälter – wir sind ganz schön geschafft. Als am Schluss die Trainer das Wasser voll aufdrehen, soll es dann ohne Boote, nur schwimmend die Wildwasserstrecke hinabgehen. Das Ziel, hier in jeder Stufe das Kehrwasser z erreichen, habe ich leider nicht immer geschafft. Und auch ansonsten fühlte ich mich als Spielball des nun reißenden Wassers eher unwohl – definitiv außerhalb meiner Komfortzone.

 

Fortbildung durch Theorie und Praxis 

Vier Tage abwechslungsreiches Paddeln und eine gute Mischung aus theoretischem und viel praktischem Input – so soll eine gute Fortbildung aussehen. Das Schönste aber war die tolle Atmosphäre in der Gruppe – am liebsten würde ich mit allen sofort wieder aufs Wasser gehen. Diesmal aber bitte im Boot und nicht ohne!

 

Konstanze Wolgast, Braunschweig

 

Foto: Lehrer im künstlichen Wildwasser an der Bischofsmühle in Hildesheim